Kleine Weihnachtswelt 1840

 

Und noch einmal in diesem Dezember schwelge ich in Historie. Heute nehme ich Dich mit in das großbürgerliche Hamburger Stadthaus des Kaufmanns Ludwig Schrader. (Störe Dich nicht daran, dass der gute Ludwig nicht viel mehr als acht Zentimeter misst.)

 

Es ist der 24. Dezember 1840. Draußen hatte es den ganzen Tag geschneit und in ihren gemütlichen Privaträumen hatte die Familie die Stunden bis zum Kirchgang mit dem Lesen im alten, dicken Geschichtenbuch verbracht... 

 

 

Nach dem feierlichen Abendgottesdienst in Sankt Michaelis hat man sich nun ins kleine Kaminzimmer zurückgezogen. Warm und heimelig ist es hier. Das Feuer prasselt, einer der Diener hat den Tee serviert und der Hausherr die Kerzen am Weihnachtsbaum entzündet.

  

Endlich ist Bescherung!

 

 

Die Töchterchen Clara und Auguste können ihr Glück kaum fassen: So viel neues Spielzeug! Und eine neue Puppe! Und ein Schlitten!!!

  

Nur der alte Teddybär sitzt derweil traurig und unbeachtet in der Ecke. 'Ob mich die Mädchen wohl noch liebhaben?', scheint er sich zu fragen.

 

 

Auch Ludwigs Frau Amalia wird mit einem hübsch verpackten Geschenk bedacht. Sie ist schon ganz gespannt, was sich ihr lieber Mann ausgedacht hat. 

 

  

Amalia ist wieder guter Hoffnung und Ludwig Schrader freut sich, dass die Familie weiter wächst. Fünf Kinder sollten es schon werden. Das wäre eine respektable Anzahl! Und wer weiß? So Gott will, wird ihnen vielleicht dieses Mal der ersehnte Stammhalter geboren.

 

Während oben alle traulich beisammen sitzen, bereitet die Köchin mit zwei Mägden im Souterrain eifrig das Festmahl für die Herrschaft vor.  

 

 

Emsig werden Pasteten hergerichtet, Bouillon und feinste Soßen geköchelt, allerlei Gemüse gegart. Gebratene Täubchen und Kalbsrücken werden auf silbernen Platten drapiert, Schmalgebackenes, Weingelee und Schokoladencreme fertiggestellt.

 

In einer Stunde etwa wird sich die Familie ins Speisezimmer begeben und die Dienstbotenklingel ziehen. Bis dahin muss alles fertig sein!

 

 

Und dann wird auch unten in der Küche endlich gefeiert. Mit seinem Einkommen von meist mehr als 20.000 Talern in jedem Monat, kann Herr Schrader seinen Bediensteten gegenüber großzügig sein. An Weihnachten gönnt er ihnen ebenfalls Braten, Kuchen und reichlich vom guten Wein.

 

Der Speiseraum darf später bleiben wie er ist. Zum Aufräumen ist noch am nächsten Morgen Zeit. Heute abend soll niemand mehr arbeiten, denn es ist Heilige Nacht in meiner kleinen alten Puppenstube.

 

 

Tja. So ungefähr war es vielleicht bei den Hanseaten des 19. Jahrhunderts. Nun ja - jedenfalls bei denen, die Geld hatten...

 

Diese Heileminiaturweltohnesorgengeschichte war mein diesjähriger Weihnachtsgruß für Dich. Und mit dem abschließenden Gedicht von Rainer Maria Rilke wünsche ich Dir köstliche, fröhliche und stimmungsvolle Feiertage. Lass es Dir gut gehen! ♥

 

 

 

 

Advent

 

Es treibt der Wind im Winterwalde
die Flockenherde wie ein Hirt
und manche Tanne ahnt wie balde
sie fromm und lichterheilig wird.
Und lauscht hinaus: den weißen Wegen
streckt sie die Zweige hin – bereit
und wehrt dem Wind und wächst entgegen
der einen Nacht der Herrlichkeit.

 

 

(Rainer Maria Rilke)