Burgruinen und Matronentempel - Woher ich komme

 

Damals in der Schule hat mich Geschichtsunterricht nie sonderlich interessiert. Vielleicht lag es an unserem drögen Lehrer, Herrn Dr. Schwafeldichendlosinskoma, vielleicht war ich auch einfach zu jung. Ich brauchte Zeit (wie wohl die meisten), um zu begreifen, wie viel uns die Vergangenheit zu sagen hat.

 

Heute bin ich, wie Du längst weißt, sehr fasziniert von historischen Gemäuern, traditionellen Speisen oder auch alten Gebräuchen. Dabei geht es mir allerdings meist nicht um nüchterne Zahlen und Fakten, sondern es ist eher ein bestimmtes Gefühl, dass sich bei mir einstellt, wenn ich durch enge Kopfsteinpflastergassen spaziere oder einfache Mehlklöße von einem schweren Steingutteller esse: Die Sehnsucht nach Langsamkeit, nach Beständigkeit, nach Verbindung mit der Natur... 

 

 

Dieser Sehnsucht konnte ich zuletzt wieder einmal ausgiebig frönen. Während eines verlängerten Wochenendes in der Eifel habe ich mir einige alte Burgruinen angesehen. Unter anderem die Burg von Reifferscheid.

 

Burg Reifferscheid

 

Schon um zur Burg zu kommen, muss man entschleunigen. Denn für Autos ist die Durchfahrt gesperrt und so macht man sich zu Fuß auf, durch malerische Gassen und alte Tore, bergauf hin zur alten Ruine.

 

Fachwerkfassade mit Rosenstock
Reifferscheid historischer Ortskern

 

Das ist exakt, was ich meine oder auch "Finde den Unterschied": Beton? Kunststoff? Gedränge? Gehetze? Grelle Neonreklame? Findest Du hier nicht. Like!

 

Reifferscheid historischer Ortskern

 

Der historische Ortskern unterhalb der Burg von Reifferscheid. Die älteste Bausubstanz reicht zurück bis ins 11. Jahrhundert. Wenn ich hier ganz leise und langsam durchschreite, kann ich sie FÜHLEN: die mit Kartoffeln und Kohl beladenen Holzwagen, die Mägde in ihren Leinenkleidern, die kleinen Mädchen mit ihren Stoffpuppen, den fliegenden Händler mit seinen Gerätschaften, den Schmied, den Schuster...

 

Burg Reifferscheid

 

Durchatmen, innehalten. Wirklich sehr schön und sehr alt.

 

Aber - hey - es geht sogar noch älter! Nach dem Besuch dieser Eifel-Ruine nehme ich Dich nun mit in eine Zeit, die noch weiter im Nebel verborgen liegt. Eine Zeit, noch einmal mehr als 1000 Jahre zurück.

 

Sind die Sinne beim Gang durch die alten Gassen schon etwas geöffnet worden, die Antennen auf ganz fein gestellt, dann bist Du bereit...

 

Lange schon wollte ich mir einen bestimmten Kultplatz aus vorchristlicher Zeit ansehen: Eine alte keltische (später römische) Tempelanlage namens "Görresburg" - was wohl von "Götterberg" stammt. Sie befindet sich abgelegen auf einem Hügelplateau neben dem kleinen, verschlafenen Örtchen Nettersheim.

 

Komm!

 

Erst führt ein Feld-Fußweg durch die hochsommerliche Natur. Kein Mensch weit und breit. Nur ein Bauer holt in der Ferne das Heu ein.

  

 

Aus dem Feldweg wird irgendwann ein Grasweg...

 

 

... der bald durch's Dickicht hindurch ... 

 

 

... auf die Anhöhe führt. Und da liegt es vor mir, das uralte Matronenheiligtum. Ein Kultplatz aus der langen Zeit, in der noch Göttinnen angebetet wurden. Eine Religionskultur von den Kelten gelebt, später von den Römern gerne übernommen. Spannend. Nicht ein einziger Tourist, so ein Glück! Ganz in Ruhe kann ich alles entdecken und auf mich wirken lassen.

 

Aufanische Matronen, Matronentempel Nettersheim, Görresburg, Göttinnen, keltischer Kultplatz

 

Ein Hinweisschild außerhalb der Anlage erklärt, dass man an diesem Ort bereits ab etwa 70 n. Chr. kultische Handlungen wie Verbrennung von Opfergaben ua. nachweisen kann - Beginn all dessen sicher weit vorher. 

 

Um das Jahr 150 herum wurden dann Weihesteine für einheimische Schutzgottheiten, die sogenannten Matronen - die dreifaltige Göttin - rund um den größten der Tempel aufgestellt.

 

Aufanische Matronen, Matronentempel Nettersheim, Görresburg, Göttinnen, keltischer Kultplatz

 

Die huldvollen Göttinnen wurden von den Menschen um gute Ernte und Schutz angefleht, lange bevor das aufkommende Patriarchat und die beginnende Christianisierung das hohe Ansehen von Frauen immer mehr zerstörte.

  

Aufanische Matronen, Matronentempel Nettersheim, Görresburg, Göttinnen, keltischer Kultplatz, Weihestein

 

An den frischen Wiesenblumen als kleines Geschenk und an den in Büschen hängenden Göttinensymbolen sehe ich, dass die uralte Denkweise auch heute noch geachtet wird. Sehr gut. An den Sonnwendtagen und zu anderen Gelegenheiten im Jahreslauf muss dies ein besonders interessanter Ort sein. 

 

 

Da alle Bauten nach Ost-Westen ausgerichtet wurden, fällt beispielsweise zur Tagundnachtgleiche, wenn die Sonne exakt im Osten aufgeht, das allererste Licht genau in den Tempelbezirk hinein. Das alles, wie gesagt, auf einer Anhöhe mit unverbautem Bllick über die Eifeltäler und -hügel. Hab ich doch wieder einen Plan...

 

Aufanische Matronen, Matronentempel Nettersheim, Görresburg, Göttinnen, keltischer Kultplatz

 

Und Du? Sei offen ♥

 

Aufanische Matronen, Matronentempel Nettersheim, Görresburg, Göttinnen, keltischer Kultplatz